Sep.
Einst war ein Mädchen aus den ukrainischen Karpaten (ca. 200 km südlich von Lemberg / Lviv) und sie wurde mit dem Studium „EU-Recht“ auf die westliche Welt (Italien, Frankreich, Deutschland, Schweiz, Spanien, …) losgelassen. Natürlich schnappt sie sich Jahre später in Frankreich (!) einen Jungen aus Uruguay – nichts liegt näher ! Und genau so verrückt / crazy / loca verlief nun auch ihre Hochzeitsnachfeier in Kolomyja in der Ukraine, zu der Olga und ich neben Franzosen, Uruguayer, Ukrainer, Schweizer, Ecuadorianer, Dänen, Italiener und Deutsche ebenfalls eingeladen waren … denn „normal“ gibt es für dieses Mädchen namens Khrystyna einfach nicht   😀Â
Da Olga gerade terminbedingt nicht zum Schreiben eines Blogeintrages kommt, möchte ich mal mit meinen Eindrücken den Anfang machen.
Für mich war dieser 10-tägige Trip in das Heimatland meiner Frau die bislang östlichste Bekanntschaft des eurasischen Kontinents und ohne die exzellenten Sprachkenntnisse von Olga wäre ich trotz meinem Englisch aufgeschmissen gewesen. Zudem gibt es so viele Dinge, die man als EU-Bürger und Europäer einfach verlernt hat, wie z.B. einen kontrollierten Grenzübertritt. Nach Polen alles wie immer: keine Zollstation, keine Paßkontrolle, keine Sonderhandlungen. Für die Ukraine sollten sich die angelesenen Vorbereitungen auszahlen: Paß vorhanden, Fahrzeugschein ist auf mich ausgeschrieben, die Grüne Versicherungskarte weißt UA als versichertes Land mit aus, das große „D“ auf weißem Grund prangt auf dem Heck des SMARTIE und ich hatte sogar einen Kontoauszug meiner Kreditkarte dabei, welche beweist, daß wir unseren Aufenthalt finanziell eigenständig bewältigen können. Kein Scherz, all das sind Vorgaben und Hinweise vom ADAC und dem Auswärtigen Amt, welche bei der Einreise in die Ukraine zu beachten sind … es lebe die EU und das Schengener Abkommen ! Ach ja: und wir haben etwas mehr als 60 min an der Grenze von Polen zur Ukraine zugebracht – echt crazy, gell ?   :zunge-rechts:Â
Die aufmerksamen Leser werden an einer Stelle bestimmt etwas gestutzt haben, aber es ist wahr: wir sind die 1200 km nach Kolomyja mit dem SMART gefahren.
Die A4 bzw. E40 führt direkt von Dresden durch ganz Polen bis zum ukrainischen Lemberg / Lviv und ist zu 90 Prozent in einem voll ausgebauten Autobahnzustand – der EM2012 sei Dank. Die restlichen 10% ähneln eher einer Bundesstraße und führen über unzählige Dörfer. Bis hierhin alles kein Problem für unseren kleinen Schwarzen. Die letzten 200 km zwischen Lemberg und Kolomyja sollten allerdings eine Herausforderung für Mensch und Maschine werden, denn hier überraschten teils bis zu 30 cm tiefe Schlaglöcher für ruckartigen Lenkmanövern oder endeten in einem dumpfen Schlag der Stoßdämpfer. Schließlich war eine Geschwindigkeit von 90 km/h freigegeben und die Straße wurde auch so von den übrigen Verkehrsteilnehmern befahren. Dabei sah die H09 noch richtig gut aus. Erst auf dem Rückweg von Kolomyja nach Lemberg zeigte sich auf der westlich verlaufenden Alternativstrecke H10 das wahre Ausmaß einer durch Wind, Wetter und Temperaturschwankungen zwischen -40 und +40 Grad stark belasteten Asphaltdecke, denn hier bewahrheitete sich die im Vorfeld beschriebene Schlaglochaneinanderreihung, bei dem sogar der ADAC vor „Fahren im Dunkeln“ abrät. Der Ukrainer sagt: „Es gibt keine Straßen, es gibt nur Richtungen !“ und „Hier fährt der nüchterne Fahrer Schlangenlinien und der Besoffene fällt durch Geradeausfahren auf.“ … das können wir nur bestätigen. Wir sind teils mit nur 20 km/h über mehrere kilometerlange Lochstrecken bzw. Buckelpisten gefahren, wo selbst ein Hindurchschlängeln von rechts nach links nicht mehr möglich war. An manchen Stellen hatte man sogar schon Schotterhaufen für die bevorstehende Flickaktion abgelegt – AUF dem Mittelstreifen !!!
Im Dunklen hätten wir bei entsprechender Geschwindigkeit wie Evel Knievel abheben oder auf zwei Rädern fahren können. Aber der SMART hat es trotzdem geschafft ! Zwar weilt er gerade für eine Pflegekur beim Autoschrauber unseres Vertrauens, doch die sichtbaren Schäden, wie z.B. der Abriß einer Plastikhalterung und ein defektes Bremslicht halten sich in Grenzen. Morgen Abend wissen wir nach der Rechnungsbegleichung mehr – am Telefon fiel u.a. das Wort Kühlflüssigkeit.
Aber zurück zur Ukraine. Für mich ein Land der wirklich krassen, sichtbaren Gegensätze. Das Aussehen – hier mehr am Beispiel der Karpartengegend als an der Großstadt Lemberg – ist zum Teil ärmlich (Häuser, Autos, Straßen, Busse, Massen streunender Hunde, Müll überall, Kühe werden „spazierengeführt“, Pferdekarren auf der Straße, …), doch andererseits wieder innerhalb des Ärmlichen voller Anzeichen einer florierender Wohlstandsgesellschaft, wie z.B. viele neu gebauter und somit leuchtender Kirchen, moderne Autos und SUVs neueren Baujahres, zwischen zerfallenen Soziallismushäuschen einzelne renovierte Häuser und auf der Straße total aufgerüschte Frauen, als wären sie gerade direkt einer Prêt-à -Porter-Show aus Paris entsprungen. Sie staksen mit ihren High Heels durch den Staub der Straße und über die huckeligen Gehwege – es paßt für mich einfach nicht zusammen.
Und trotzdem sind die Leute augenscheinlich damit zufrieden, gegenüber Fremden und Gästen überaus freundlich und jammern nicht so auffällig wie manch verwöhnter Deutscher. Das hat mich wiederum sehr beeindruckt !
Und die Hochzeit ? Absolut verrückt ! Ein Sprachen-Wirrwarr aus Englisch, Deutsch, Ukrainisch, Spanisch und Französisch, wobei mein Frauchen natürlich den schlimmsten Knoten in der Zunge bekam, da sie in alle Richtungen übersetzen mußte bzw. in vielen Sprachen Erklärungen abgegeben hat. So stand sie natürlich auch einmal vor mir und töffelte mich in Ukrainisch zu oder versuchte einer verdutzt dreinschauenden Ukrainerin auf Deutsch zu erklären, wie dies und jenes funktioniert. Aber Hut ab, sie war einfach spitze ! Durch sie konnte ich mich sogar fast 30 min mit Khrystynas Mutter unterhalten, obwohl wir beide keine gemeinsame Sprache haben. Fast alle Hochzeitsgäste unseres Hotels (die Ukrainer haben natürlich zuhause gewohnt und die Gastgeber waren bei der Familie untergebracht) suchten immer wieder Olga, wenn es um das Lesen und Verstehen kyrillischer Worte oder um Erklärungen und Namen ging. Selbst die Nachbestellung von Toilettenpapier ging über ihre Zunge, statt sich selbst mittels Händen und Füßen mit den Hotelbediensteten zu verständigen. In dem Sinne war Olga immer im Mittelpunkt. Wie auch beim Singen der Lieder während der Party, denn sie kannte schließlich die deutschen, die französischen und die ukrainischen Texte – mehr oder weniger auswendig. Den Rest besorgte der ausgeschenkte Wodka …
OK, so langsam sollte ich mal zum Fazit kommen … der Text ist eh schon länger als anfangs gedacht – zu viel könnte ich über die eineinhalb Woche in der Ukraine und Polen erzählen. Es war eine tolle Zeit und wir möchten uns auf jeden Fall bei allen Hochzeitgästen, bei den Familien und den CouchSurfern bedanken, die wir in den 10 Tagen getroffen haben. Wir hatten definitiv eine tolle Zeit ! Für Olga waren es eher Erinnerungen an die Jugendzeit und der Vergleich zwischen dem russisch geprägten Osten der Ukraine und dem EU-orientierten Westen. Für mich das Kennenlernen eines bislang nur aus der Theorie bekannten Landes und das Aufzeigen von Annehmlichkeiten in Deutschland und der EU, die nicht immer als selbstverständlich hingenommen werden sollten. Noch ein Beispiel ? Wasser aus dem Hahn. Für mich eine Reflexhandlung beim Einnehmen von Tabletten, für Olga in der Ukraine ein No-Go.
Und das Essen dort war MEGALECKER !!! Aber Schluß, ich komme sonst wieder ins Schwärmen und fülle weitere Zeilen …






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