Feb.
Im Betreff steht es: dies war bereits ihre zwanzigste Woche in der Rehaklinik! Morgen werden es 180 Tage seit der Lungenembolie bzw. 140 Tage seit ihrer ĂberfĂŒhrung in den Norden. Und die letzten sieben Tage waren wahrlich eine turbulente Woche fĂŒr Stephanie und fĂŒr uns, aber zum GlĂŒck nur im positiven Sinne – es gibt so viel Tolles zu berichten!!! Es könnte also etwas lĂ€nger werden …
Fangen wir mal mit der gröĂten, tollsten, schönsten und sicherlich ĂŒberraschendsten Nachricht an –> seit Mittwoch ist das Kind ohne Tracheostoma … wir sind alle sooooo glĂŒcklich darĂŒber!
Vor allem, weil es so schnell ging – unsere Stephanie mal wieder im Turbogang. Ich konnte gerade ein einziges Mal selbst das Sprechventil wechseln, nachdem ich es ja letzte Woche beigebracht bekommen habe. Aber das ist es mir wert! Am Montag wurde das Tracheostoma so modifiziert, dass der tĂŒrkise Entblockungsballon fehlt und ein Blocken gar nicht erst wieder eingestellt werden konnte. An dem Tag hat man mit ihr auch gleich schon zum ersten Mal die vollen 24 Stunden mit Sprechventil ausprobiert und es hat alles wunderbar geklappt.

Als nĂ€chstes wurden innerhalb von zwei Tagen (MO bis DI) das Ein- und Ausatmen durch Mund und Nase trainiert, indem man das Sprechventil fĂŒr immer lĂ€nger werdende ZeitrĂ€ume „abgeklebt“ hat:

Am Dienstagmittag hatten wir ein GesprĂ€ch mit Vertretern aus dem gesamten Team, d.h. OberĂ€rztin, Pflegeleiterin, Leiterin des Therapeutenteams und Sozialarbeiterin, und dort wurden uns noch einmal die entscheidenden Faktoren fĂŒr das Entfernen der TrachialkanĂŒle aufgezĂ€hlt:
- eine stabile Atmung
- eine gute SauerstoffsÀttigung
- ein gutes Schluckverhalten
- ein eigenstÀndiger Umgang mit Spucke und Sekret, da ja kein externes Absaugen mehr
Als ich dann am Mittwochabend zu Besuch kam, war sie das Tracheostoma schon los – sie wurde gegen 12:45 „dekanĂŒliert“. Damit ist nun ein weiterer groĂer Schritt in Richtung NormalitĂ€t geschafft, denn wie schon mehrfach angesprochen, ist das fĂŒr Koma- bzw. Lungenemboliepatienten nicht unbedingt selbstverstĂ€ndlich. Laut der LogopĂ€din war unsere Stephanie wohl erst die vierte auf dieser Intensivstation, bei der dieser Schritt innerhalb des letzten Jahres durchgefĂŒhrt worden ist. Meine Freude war entsprechend groĂ! Jetzt hat sie zwar noch ein offenes aber zugeklebtes Loch im Hals, aber man geht zunĂ€chst noch von einem erfolgreichen Zuwachsen aus, bevor man in ein paar Monaten auf einen chirurgischen Eingriff zurĂŒckgreifen möchte.

Sorry, aber ich bin so sehr aus dem HĂ€uschen!!! Vor allem, da man selbst am Dienstag noch von Wochen ausgegangen ist …
Und beim Team/Patienten-GesprĂ€ch am Dienstagmittag bekamen wir noch ein weitere, schöne Nachricht zu hören, die im Nachhinein betrachtet aber durchaus auch nicht so schöne Dinge mit sich bringen wird. FĂŒr den 1. Mai plant man nun schon eine Verlegung von der Intensivstation auf eine Normalstation, da Stephanie nicht mehr die Ăberwachung einer solchen Spezialstation benötigt und sie somit natĂŒrlich auch den Platz fĂŒr den nĂ€chsten schweren Fall rĂ€umen könnte. Sie hat sich laut aller Behandlungsteams (LogopĂ€die, Ergotherapie, Physiotherapie, Pflegepersonal, Ărzten etc.) die letzten Wochen seit dem Aufwachen sehr gut entwickelt und vor allem in einem so kurzen Zeitraum so viel erreicht. Es verging ja fast schon keinen Tag, an dem sie nicht weitere, kleinere Entwicklungsschritte zeigte.
Dennoch bleibt fĂŒr uns wie gesagt ein wenig bitterer Beigeschmack. Sollte die Entscheidung gegen eine Normalstation der Akutklinik ausfallen (derzeit KostenĂŒbernahme durch die Krankenversicherung, stetige Absprachen zwischen Klinik und Krankenkasse), kommt sie auf die Pflegestation eines externen TrĂ€gers (KostenĂŒbernahme durch die Pflegeversicherung, Organisation wechselt dann auf uns), kann aber Stand jetzt noch auf dem gleichen KlinikgelĂ€nde bleiben. Damit wĂ€re zumindest die NĂ€he zur Akutklinik gesichert. Doch fĂŒr uns heiĂt das nun der Beginn einer Formularschlacht, da nicht mehr direkt zwischen Rehaeinrichtung und KostentrĂ€ger verhandelt wird, sondern immer ĂŒber uns: Pflegeversicherung, Heimvertrag, GEZ-Befreiung, „Hilfe zur Pflege“ beim Sozialamt, ggf. Antrag auf Eingliederungshilfe u.v.m..
Obwohl, damit können wir uns noch ganz gut abfinden, aber dieser Wechsel von der Intensivstation zieht voraussichtlich leider auch eine Verringerung der TherapieintensitĂ€t nach sich – derzeit hat sie ja 5-6x die Woche pro Gewerk (LogopĂ€die, Ergotherapie, Physiotherapie) eine Behandlung. Auf der Normalstation rechnet man in der Regel mit 2-3x die Woche pro Gewerk und das halten wir gefĂŒhlt als groĂen RĂŒckschritt bei ihrer derzeitigen Entwicklung. Mal sehen, was wir am Ende fĂŒr eine Kompensation erreichen können … wir denken da noch an ein paar Möglichkeiten, die man anzapfen könnte. DrĂŒckt uns bzw. Stephanie die Daumen.
Apropos bĂŒrokratische HĂŒrden: was denken wir als Arbeitnehmer im Falle eines Verlustes der Ausbildung bzw. der Arbeit? Immer zuerst arbeitslos melden, damit am Ende keine zu groĂe undokumentierte LĂŒcke bei der Aufstellung der Deutschen Rentenversicherung entsteht. Das haben wir nun fĂŒr Stephanie auch versucht, da sie ab dem 31. MĂ€rz exmatrikuliert sein wird. Sie kann aber dem Arbeitsmarkt nicht zur VerfĂŒgung stehen und deshalb wird sie nicht arbeitslos gemeldet … hĂ€h? Unser Nachfrage bei der Deutschen Rentenversicherung, wie diese berufliche Ausfallzeit nun deklariert wird, steht noch aus. Wir waren jedenfalls etwas ĂŒberrascht, da wir mit so etwas ja noch nie zu tun gehabt haben. Eine weitere Front, die es fĂŒr uns zu klĂ€ren gilt.
Im oben angesprochenen Team/Patienten-GesprĂ€ch wurden natĂŒrlich auch einmal alle ihre Entwicklungen und ZustĂ€nde angesprochen und bewertet:
- Ihre zum Teil sehr ausufernden und teils ĂŒberraschenden Tretbewegungen des linken Beines sind aus Sicht der Therapeuten sogar sehr zufriedenstellend – ok, das haben wir eigentlich nicht erwartet. Aber beim rechten, sehr viel ruhigeren Bein sieht man eher die Probleme, da dieses im Rollstuhl und an der Bettkante nicht den gewĂŒnschten 90 Grad Winkel erreicht und auch beim Anwinkeln und Heben im Liegen nicht die angestrebte ElastizitĂ€t zeigt.
- Die FuĂorthesen (insbesondere die linke) sind nochmals angepasst und optimiert worden.
- Bei ihren zum Teil recht unruhigen Bewegungen des Gesamtkörpers ist eines der nĂ€chsten Ziele die Umsetzung der Aufforderung „Bleib ruhig“, d.h. sie soll auf Kommando eine Bewegung stoppen und somit alles ganz bewusst steuern.
- Beim Stehbrett schafft sie derzeit 70 Grad, aber die linke Ferse steht nicht „in der Achse“ zum gesamten Bein, sondern dreht durch die Spastik sehr weit nach auĂen. Damit ist ein Stehen und eine Lagerung des gesamten Körpergewichtes auf den FĂŒĂen bzw. Beinen noch nicht möglich. Wie schon bei den Verkrampfungen an den HĂ€nden möchte man hier mit einer Botox-Behandlung helfen und die Spannungen sowie eventuelle Schmerzen deutlich mildern. Ich kann nur feststellen, dass sie im Handbereich nun sehr viel mehr an BerĂŒhrungen und Bewegungen zulĂ€sst, als noch vor 2-3 Wochen. Deshalb stehe ich auch einer Anwendung am FuĂ sehr positiv gegenĂŒber.
- Laut aller Therapeuten macht sie sich super bei der Wahrnehmung, beim Fokussieren und auch bei der Kontaktaufnahme. Sie hat gröĂtenteils auch sichtlich SpaĂ mit dem Team, was umgekehrt genauso gilt.
- Wie schon des Ăfteren hier im Blog erwĂ€hnt, lacht sie weiterhin an den richtigen Stellen, also nicht unpassend oder dauerhaft. Das stelle ich auch immer wieder fest, wenn ich mit ihr Fotos angucke und durchspreche oder Videos bzw. Sprachnachrichten von Freunden und der Familie vorspiele.
- Und diese Bemerkung können wahrscheinlich alle zu 100% nachvollziehen, die Stephanie genauer kennen: wenn sie nachts nicht gut schlĂ€ft, ist der nĂ€chste Tag auch gleich schlecht bei ihr / mit ihr / fĂŒr sie. Ihren Schlaf hat sie ja schon immer gebraucht!
- Das Ergebnis des letzten EEG wurde wortwörtlich als „kurios“ bezeichnet, denn es konnten trotz der oben erwĂ€hnten Fortschritte nicht sehr viel mehr AktivitĂ€ten als beim letzten Mal abgelesen werden. Das finden alle etwas komisch. Aber glĂŒcklicherweise konnte auch der vereinzelte, epileptische Anfall an ihrem Geburtstag (deshalb war sie bei meinem Besuch so mĂŒde!) sich nicht im EEG niederschlagen, was wiederum sehr beruhigend ist. Dies muss definitiv weiter unter Beobachtung bleiben, aber aufgrund dieses Anfalls möchte man die Epilepsiemedikamente vorerst nicht weiter reduzieren.
- Anderweitig geht das Verringern von tĂ€glichen Medikamenten stetig weiter und anhand der vor Kurzem erhaltenen Gesamtliste können wir folgende Entwicklungen sehen: innerhalb eines Monats sind fĂŒnf Medikamente komplett abgesetzt worden, das Morphin wurde durch das wesentlich abgemilderte Gabapentin ersetzt und es bleiben jetzt noch zehn PrĂ€parate plus einem Mittel fĂŒr die Nahrungszufuhr ĂŒbrig, von denen aber auch schon mehrere im Vergleich zum letzten Mal reduziert worden sind.
- Man mag es kaum glauben, aber das nĂ€chste Ziel scheint bei ihr nicht ganz so einfach zu erreichen zu sein: das Lernen des Essens. Derzeit macht sie einfach nur ungern den Mund auf! Sie öffnet auch nach gutem Zureden oder leckeren GerĂŒchen einfach nicht wie gewĂŒnscht die Schnute, sondern ihre Lippen werden im wahrsten Sinne des Wortes versiegelt. Mal sehen, wie lange sie das noch durchhĂ€lt, denn wir alle haben Stephanie ja nie als KostverĂ€chter kennengelernt. Es hat ihr zwar nicht alles geschmeckt, aber ausprobiert hat sie schon sehr viel. Deshalb bin ich auch hier erneut guter Hoffnung.

- Ich habe mit ihr etwas neu eingeĂŒbt und mittlerweile hebt sie die rechte Hand und reicht sie zum GruĂ hin. Ich war so stolz, als sie das auch mal zum Abschied bei einer Therapeutin gemacht hat.
- Auch das KopfschĂŒtteln fĂŒr NEIN und Kopfnicken fĂŒr JA bekommt sie immer besser hin und in meinem Beisein hat sie einer Ergotherapeutin auf Anfrage recht deutlich ein JA zugenickt.
AuĂerdem habe ich gestern das GefĂŒhl gehabt, dass sie das JA auch auszusprechen versucht. Noch kann man das natĂŒrlich nur erahnen, denn das Sprechen muss ebenfalls neu erlernt werden, aber ich freue mich trotzdem đ
Ich finde, dass auch ihre GefĂŒhlswelt immer feiner und vielseitiger wird. So ist sie zuerst gar nicht erfreut, wenn ich sage, dass ich jetzt gehen muss, dann aber hebt sie leicht ihren rechten Arm, um mir ein bisschen zu winken. Auch das ist etwas, was wir letzte Woche regelmĂ€Ăig geĂŒbt haben.
Ich habe gestern sowohl von einer Pflegerin als auch von einer Physiotherapeutin eine Ă€hnliche Geschichte gehört. Beide waren aufgrund von Urlaub etwa zwei Wochen nicht auf Arbeit und als sie zurĂŒckkamen, waren sie ĂŒber Stephanies Fortschritte sehr ĂŒberrascht und sehr berĂŒhrt. Die Therapeutin war gar beim ErzĂ€hlen wieder den TrĂ€nen nahe. Ich finde es wirklich schön zu wissen, dass die Stationskollegen genauso mitfiebern und sich genauso freuen wie wir selbst – Stephanie ist da ganz gewiss in guten HĂ€nden. Und ich bin auch guter Dinge, dass wir bis Mai noch einiges zusammen erreichen können.
Bitte entschuldigt, dass ich wieder so viel geschrieben habe, aber wie ich am Anfang schon erwĂ€hnte, es war eine wahrlich turbulente Woche mit recht vielen Entwicklungen. Ihr seht, Stephanie gibt nicht auf … warum sollten wir es also tun und an ihr zweifeln. Ich freu mich schon auf die nĂ€chsten Wochen, an denen ich bei meinen tĂ€glichen Besuchen sicherlich weitere Meilensteine ihres Genesungsweges mitbekommen und euch berichten kann.





























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