Juni
Mein Zitat aus dem Blogeintrag von letzter Woche:
„Ich schĂ€tze mal (vorsichtig), dass sie ihre rechte Hand in vier Wochen wieder vollumfĂ€nglich einsetzen kann ⊠auf der linken Seite macht ihr allerdings noch die Spastik sehr zu schaffen. Hier wird es wohl noch sehr viel lĂ€nger dauern.„
Ăhm, naja, die linke Hand ist sicherlich noch nicht in der Lage, all das zu machen, was die rechte jetzt schon kann, aber in nur wenigen Tagen konnten wir sie quasi aus ihrem Dornröschenschlaf erwecken, mehr Fingerbewegung erreichen und sie mittlerweile sogar schon Dinge aufnehmen und woanders wieder ablegen lassen. Doch was hat den Knoten so schnell gelöst? Wir glauben, dass sie durch das krampfhafte Ballen mit den FingernĂ€geln in die HandinnenflĂ€che gedrĂŒckt hat … und zwar so lange, bis dort eine wunde Stelle entstanden ist. Die hat natĂŒrlich bei jeder BerĂŒhrung weh getan und in der Folge hat Stephanie verstĂ€ndlicherweise noch mehr vor Schmerz die Hand geballt und die Finger verkrampft bzw. die FingernĂ€gel in die Wunde gedrĂŒckt. Eine so offene Hand wie auf dem folgenden Foto war zu der Zeit einfach nicht möglich, denn man kam mit mal mit einem einzigen Finger auch nur annĂ€hernd in ihre Faust:

An diese Stelle lieĂ sie schlichtweg niemanden ran und somit blieb die eigentlich Ursache so lange unentdeckt und die Ăberempfindlichkeit der linken Hand wurde logischerweise der Spastik zugesprochen. Am Mittwoch bat sie uns dann völlig unvermittelt, ihr einmal die FingernĂ€gel zu schneiden und sie hat dafĂŒr sogar ganz freiwillig die Hand aufgemacht und so weit es ging die Finger ausgestreckt. Dabei wurde die besagte Wunde entdeckt, konnte fortan mit einer Wund- & Heilsalbe behandelt werden und als Schutz vor nun gekĂŒrzten, aber natĂŒrlich immer noch harten FingernĂ€geln lieĂ sie sich sogar bereitwillig einen Handschuh anziehen. Und ab genau diesem Tag setzt sie ihre linke Hand fĂŒr immer mehr Dinge ein, wie z.B. Greifen und Essen.
So z.B. seit Mittwoch eben auch fĂŒr das Spiel und Training mit einer Kinderspielbox:

Das EinfĂŒhren der Klötze durch die entsprechende Ăffnung ist zwar noch etwas zu schwer fĂŒr sie (sie kann einen Gegenstand noch nicht halten und koordiniert in der Hand drehen), aber alle Klötze aufsammeln und in die offene Kiste zurĂŒcklegen klappte von Anfang an bzw. ist mittlerweile auch recht flott erledigt.
Wir erinnern uns an unser Mantra „Schrittchen-fĂŒr-Schrittchen“? Mit diesem einen, kontinuierlich zu verwendenden Spielzeug erzielen wir gerade hintereinander weg mehrere Effekte und Fortschritte:
- Training, sich visuell einen Ăberblick zu verschaffen … wo steht die Box und wo ĂŒberall liegen die Klötze.
- Training der Hand- und Armkoordination … und zwar sowohl rechts als mittlerweile auch mit der linken Hand

- Erkennen von Farben (hier: Rot/Orange, GrĂŒn, Gelb, Blau) … wobei sie an manchen Besuchen alle Farben korrekt bezeichnet, an anderen aber auch immer wieder gehörig falsch liegt – mal so mal so, was aber noch nicht beunruhigend ist. Dass die Augen in Ordnung sind und sie die richtigen Farben sehen kann, beweist sie, wenn sie alle Farben korrekt benennt. Hier spielt eben wieder der gravierende Umstand zwischen dem Sehen mit den Augen und das Verarbeiten des Gesehenen mit dem Gehirn eine groĂe Rolle.
- Erkennen von Formen (hier: Viereck, Dreieck, Kreis/rund, Stern) … sie zĂ€hlte beim Zeigen die Ecken und erkannte jede Form auf Anhieb (bislang weiterhin jedes Mal fehlerfrei). Jetzt bekommt sie also von uns die Aufgabe, einmal alle Klötze mit der Form X oder der Farbe Y zurĂŒck in die Box zu legen.

- Vielleicht entwickelt sich dann bald ja auch wieder das VerstĂ€ndnis bei ihr, sich mit beiden HĂ€nden gegenseitig zu helfen (liegt das Klötzchen weiter weg, kann man es mit der einen Hand holen und der anderen Hand ĂŒbergeben, die wiederum nĂ€her an der Kiste ist) oder auch mal mehrere gleichzeitig aufzunehmen, um am Ende noch schneller zu werden … nach und nach kommen die Tipps von uns verbal oder die Ăbungsumgebung wird entsprechend angepasst.
Seit gestern kann sie jetzt auch noch weitere Orientierungs-, Reaktions-, Koordinations- sowie Hand- und ArmĂŒbungen mit einem Galgen am Krankenbett und unseren (hoffentlich pĂ€dagogisch und medizinisch sinnvollen) EinfĂ€llen durchfĂŒhren. Den Anfang machen derzeit ein Ball am Gummiband …

… und ein Thera-Band:

Wer uns kennt, weiĂ, dass unserer Fantasie keine Grenzen gesetzt sind, gell đ ? Sie hat jedenfalls ihren SpaĂ dabei und wir schĂ€tzen mal, dass sie es evtl. auch nutzt, wenn wir nicht da sind und sie explizit dazu auffordern.
Auch dies ein Beispiel fĂŒr unsere kruden EinfĂ€lle: Stephanie kann beim AusfĂŒhren von Anweisungen nicht immer ganz korrekt zwischen links und rechts unterscheiden. Also haben wir den jeweiligen Armen nicht nur einen einprĂ€gsamen Namen gegeben, sondern diesen auch gleich noch lesbar fĂŒr sie vermerkt:

Wir haben uns dann alle drei so sehr ĂŒber die Namen lustig gemacht und bei den Ăbungen zahlreiche TrĂ€nen gelacht („Heb‘ mal Rechti und berĂŒhre damit Linki …“), dass sie das jetzt bestimmt nicht mehr so schnell vergessen wird. Inzwischen nennt sie ihre Armen sogar selber so im GesprĂ€ch mit anderen đ
Wir sind echt gespannt, wann sie mit den HĂ€nden wieder komplexere Dinge ausfĂŒhren kann, z.B. etwas von der einen in die andere Hand geben, mit Links auch etwas Kleines aufheben, mit den HĂ€nden eigenstĂ€ndig die Brille hochschieben, sich selbst TrĂ€nen (vor Lachen!!!) aus den Augen wischen, in die HĂ€nde klatschen, ein eBook oder Tablet bedienen u.v.m. … weit ist sie sicherlich nicht mehr davon entfernt.
Und ursprĂŒnglich haben wir die Fingerfertigkeiten zuerst mit dem Essen kombiniert. Im letzten Blogeintrag habe ich euch ja die Anordnung von KĂ€sestange, Gurke und WĂŒrstchen auf dem Tablett vor ihr gezeigt und sie musste erst sagen, was sie als nĂ€chstes essen wollte, dann danach greifen und es anschlieĂend zum Mund fĂŒhren, um dort abzubeiĂen. So war es also bis Montag:

Aber dann haben wir von Tag zu Tag immer mehr Feinheiten eingebaut:
- es nach dem AbbeiĂen irgendwie wieder auf das Tablett zurĂŒcklegen (hier musste sie ja nur eine groĂe FlĂ€che treffen)
- sich das letzte StĂŒck selbst in den Mund legen (ist vorher noch durch uns passiert, da die Fingerhaltung dafĂŒr unzureichend war)
- Aufnehmen und Ablegen von einem Tellerchen (jetzt also schon eine kleinere FlÀche treffen)

- kleinere Dinge (Erdbeeren, Himbeeren) direkt in den Mund legen und gar nicht abbeiĂen … und es vor allem nicht schon mit den Fingern zerquetschen

Unserer EinschÀtzung nach könnte sie jetzt eigentlich schon ganz allein und ohne Beaufsichtigung mit den Fingern (also keine Verwendung von Besteck) essen, aber da das Trinken (wichtig bei trockenem Mund, Schluckhilfe etc.) leider noch nicht autark funktioniert, muss derzeit immer jemand bei ihr bleiben und helfen:

Aber sie ist definitiv auf einem guten Weg, auch wenn manchmal noch Dinge zu ĂŒberwinden sind, ĂŒber die man sich selbst eigentlich nie Gedanken gemacht hat bzw. die fĂŒr uns nur sehr schwer nachzuvollziehen sind. Hier zwei Beispiele aus den letzten Tagen:
Anfangs haben wir ihr ja beigebracht, dass man alles in kleinen Portionen in den Mund nimmt. Aufgrund ihrer noch fehlenden Feinmotorik kann man ihr aber nur „groĂe“ Dinge in die Hand geben, d.h. sie muss abbeiĂen. Als Nachtisch gab es dann die oben erwĂ€hnten Erdbeeren und hier legten wir jetzt Wert auf „mit einem Haps in den Mund“. Lief am Abend auch alles perfekt. Am nĂ€chsten Tag bekam sie wieder ihr WĂŒrstchen und sie legte los: lokalisieren, greifen, zum Mund fĂŒhren, abbeiĂen, nachschieben, abbeiĂen, nachschieben, abbeiĂen und im Ganzen rein damit. Wir konnten gar nicht so schnell reagieren, wie sie die ersten drei Bissen schon im Mund hatte – jep, sie lernte zuletzt eben das „komplett in den Mund stecken“ …
Beispiel 2: Wenn der Blick nach dem Greifen vom Teller nicht auf der Hand verbleibt, z.B. guckt sie zu jemanden neben dem Bett, kann sie ihren Arm nicht in Richtung Mund steuern, d.h. er verharrt zunĂ€chst in der Luft oder sie will alles wieder auf den Teller ablegen. Erst wenn sie mit ihrem Blick ihre Hand sieht bzw. diese auch fokussiert, nur dann schafft sie die Bewegung zum und in den Mund. Eigentlich schwer nachzuvollziehen, denn wir können mit geschlossenen Augen schlieĂlich alles blind zum Mund fĂŒhren. Das muss sie halt erst wieder erlernen und verinnerlichen …

OK, genug vom Essen und den Armen bzw. HĂ€nden. Was macht denn nun eigentlich der Rest?
Sie redet zwar oft noch undeutlich und zum Teil total unverstĂ€ndlich (dies lĂ€sst sich dann erst nach mehrmaligem Nachfragen und detektivischer Kleinstarbeit dechiffrieren), aber dafĂŒr immer mehr in komplexen SĂ€tzen.
Oder sie fragt einem Löcher in den Bauch … das sind dann mitunter Fragen, die man ihr so sicherlich nicht beigebracht hat, z.B. wie das schon mal erwĂ€hnte „Wie alt warst du als du schwanger warst?“.
Sie hört auch gut zu und ordnet es ggf. Sprachen zu: im Radio lĂ€uft nebenbei Namikas „Je ne parle pas français“ und sie sagt „Das ist Französisch.“ … ich hake nach und frage sie, ob sie denn auch weiĂ was das heiĂt … „Ja, ich verstehe kein Französisch.“.
Oder das hier: auf dem Flur wird sie von einem Zyprioten mit „Hello, how are you?“ begrĂŒĂt und sie antwortet ganz selbstverstĂ€ndlich und vor allem freundlich „Hello, thank you. I’m fine.“ – da ist man erst mal baff!
Aber vor allem ist es eben nicht nur ein stumpfes Nachplappern, denn zu ein und demselben Thema hat sie mit groĂem zeitlichen Abstand auch mal zwei verschiedene Aussagen gemacht, die aber dennoch beide den gleichen Sinn haben. Auf die Frage von uns, warum sie SpongeBob nicht gucken will, hat sie abends mit „Ich bin zu alt!“ geantwortet und am nĂ€chsten Tag vormittags zu einem Pfleger „Ich bin kein Kind mehr!“ gesagt.
Auch hier eben wieder das, was auch das Krankenhauspersonal immer betont: die vormals geschaffenen Wege im Gehirn sind zerstört, aber die Ziele (also das Wissen) sind gröĂtenteils noch da. Sie muss jetzt erst einmal wieder Wege anlegen, stabile BrĂŒcken bauen, Sackgassen erkennen und vor allem Routinen entwickeln. Insgesamt ist es echt erstaunlich, was nach den uns gezeigten MRTs mit den groĂen weiĂen Arealen doch noch so alles in ihrem GedĂ€chtnis verblieben ist – aber eben leider auch, was alles rausgefallen ist. Bei ihrer derzeitigen Unordnung da oben paart sich gerade der Wissensstand einer 25-JĂ€hrigen mit dem eines Kleinkindes … man ist ĂŒberrascht, was sie nicht kennt (ein Puma muss ihr erst erklĂ€rt werden und manchmal macht die Katze bei ihr Wauwau und der Hund Miau) und was sie doch noch von frĂŒher her kennt (Lambada = Tanz, Domino = Spiel, Kakadu = Vogel). Ich bin allerdings sehr traurig, dass anscheinend vom Russischen leider nicht so viel hĂ€ngen geblieben ist, wie vom Englischen und Französischen đ
Anderseits sind wir froh, dass sie inzwischen so gut in Deutsch unterwegs ist, dass sie durch mich sogar zwei kurze Videos als Antworten auf Videobotschaften von Freundinnen aufgenommen hat!
Sehr viele Erinnerungen sind ihr wohl auch bei ihrem immer wieder als Ăbung geĂ€uĂerten Wunschthema Mathe geblieben – derzeit trainieren wird im Zahlenraum bis 10, z.T. auch schon bis 20. Am letzten Sonntag löste sie mal eben 54 Plus- und 40 Minusaufgaben mit einer recht geringen Fehlerquote. Am Montag verrechnete sie sich erst bei Aufgabe 29 von insgesamt 40 Plusaufgaben (Fehlerquote ca. 10%). Am Dienstag möchte sie schon Mulitiplizieren und macht ca. 15% Fehler. Und vor allem schmunzelt sie immer wieder bei Aufgaben mit Null (Plus/Minus) und Eins (Mal/Durch) – too easy! Noch am gleichen Tag verlangte sie Divisionsaufgaben, bei denen sie diesmal zwar immer etwas lĂ€nger ĂŒberlegen musste, aber trotzdem nannte sie recht oft die richtige Lösung.
Wohl gemerkt: das Prinzip des Rechnens (Mengenleere & Co.) hat ihr jetzt eigentlich niemand beigebracht, das schlummert da im OberstĂŒbchen rum und wartet nur auf seine Reaktivierung. Andererseits hadert sie derzeit mit WĂŒrfelsummen, da dies wiederum fĂŒr sie noch zu komplex zu sein scheint. Die Augen eines einzelnen WĂŒrfels kann sie ablesen, aber sobald es um die Summe von zwei WĂŒrfeln geht, weiĂ sie anscheinend nicht, wie sie da vorgehen muss …

Vor allem kann sie auch immer nur eine Aufgabe gleichzeitig erledigen, denn alles andere ĂŒberfordert sie. Essen bzw. Kauen und mit Linki den orangen WĂŒrfel greifen bekommt sie noch nicht hin. Aber wie sagte sie es selbst einmal in dieser Woche:“Tschacka, ich schaffe das!“ – dem ist nichts mehr hinzuzufĂŒgen.
NĂ€chste Woche steht fĂŒr sie ein kleiner Umzug an, aber nur von der Intensivstation (sie braucht ja auch eigentlich keine GerĂ€teĂŒberwachung mehr) auf die Reha- & Therapiestation – sie bleibt sogar auf dem gleichen Flur. Aber das Personal ist ein anderes, der Tagesablauf wird sich gravierend Ă€ndern, das Zimmer wird aller Voraussicht nach nicht mehr ihr zentrales Aufenthaltsumfeld sein, sie wird wahrscheinlich viel mehr mit dem Rollstuhl zu tun haben, sie wird mit anderen in einem Essensraum speisen usw. … es dĂŒrfte echt spannend werden! Wir hoffen, dass unsere Kleine mit ihrem uns allen sehr gut bekannten und nun auch wiedergefundenen Charme in der neuen Umgebung ebenfalls einen guten Eindruck hinterlassen wird đ
Hoffentlich wird meine nĂ€chste Wochenzusammenfassung dann nicht wieder so ein Roman wie heute werden – ich möchte mich dafĂŒr an dieser Stelle vielmals entschuldigen. Es passiert in sieben Tagen einfach zu viel Interessantes …

























































Die letzten Kommentare