Jan.
Stephanie ist jetzt seit genau 90 Tagen in der Rehaklinik und vor 130 Tagen fand alles seinen Anfang. Schon allein die Vorstellung, ĂŒber vier Monate das gesellschaftliche Leben zu verpassen und auch ein Weihnachtsfest ohne Familie und ein Silvester ohne Freunde zu verbringen, ist doch irgendwie schwer vorstellbar, oder nicht? NatĂŒrlich sind die letzten beiden Dinge im Kontext mit den zusĂ€tzlichen EinschrĂ€nkungen durch Corona bzw. Covid-19 bei fast allen so oder Ă€hnlich passiert …
Also eigentlich fĂŒhrt das noch zu einem weiteren komischen GefĂŒhl, denn man muss ihr ja ĂŒberhaupt mal diese ganze Pandemiesituation inklusive der Auswirkungen erklĂ€ren. Denn leider bedeuten die oben erwĂ€hnten 130 Tage gleichzeitig auch die Dauer ihrer Bewusstlosigkeit bzw. ihres komatösen Zustands. Carsten hat mir mal erzĂ€hlt, dass sein Vater nach einem schweren Autounfall fĂŒr ca. einen Monat im Koma lag (es war allerdings noch vor seiner Geburt) und selbst diese, durch seine Familie weitererzĂ€hlte Geschichte, lieĂ mich immer wieder ĂŒber eine solch lange Komadauer nachdenken. Wie ergeht es jemanden, der mehrere Wochen nichts aus der Umgebung mitbekommt? Und wie holt man diese LĂŒcke am Ende wieder auf? Bei Stephanie steht ja jetzt nicht nur eine noch viel lĂ€ngere Zeitspanne im Raum, sondern leider auch immer noch die Frage, welche FĂ€higkeiten sind geblieben, welche sind verloren und welche können wieder antrainiert werden. Doch vor diesem Ganzen kommt erst einmal noch der groĂe Schritt, dass sie aufwacht und wieder aktiv ein Geschehen um sie herum realisieren kann.
Hieran wird weiterhin krĂ€ftig gearbeitet, denn die Dosierungen der Medikamente sind in den letzten Wochen erfolgreich reduziert worden und sie schlĂ€gt deshalb nun wohl auch immer öfters die Augen auf (fokussiert aber weiterhin noch nichts), so dass ein vollstĂ€ndiges Aufwachen in greifbarer NĂ€he zu sein scheint. Zur Erinnerung: erst dann wird deutlich, welche FĂ€higkeiten und Fertigkeiten wieder gĂ€nzlich zu erlernen und zu erarbeiten wĂ€ren und welche – hoffentlich! – noch erhalten geblieben sind.
Insbesondere das Ăffnen der Augen scheint fĂŒr alle Wartenden sehr positiv zu sein, denn auch die Therapeutinnen berichten mir immer sehr gerne davon:

Und selbst, wenn ĂŒber die Feiertage jetzt nicht viel medizinisches und therapeutisches passiert ist, so gibt es dennoch wieder ein paar Neuigkeiten zu vermelden:
- Die Beatmung mittels „Feuchter Nase“ (ohne Maschine) ist in der letzten Woche von 12 auf 15 Stunden erweitert worden und man schĂ€tzt, dass man bald die gewĂŒnschten 16 Stunden erreicht und vielleicht sogar schon langsam anfĂ€ngt, an den verbleibenden 8 Stunden Nachtzeit zu „knabbern“.
- Das Abhusten und Schlucken wird immer besser, auch wenn es fĂŒr AuĂenstehende sicherlich zum Teil eher schlimm klingen dĂŒrfte … das Personal findest diese Entwicklung jedenfalls sehr sehr gut.
- Selbst wenn ein Arm oder Bein steif oder verkrampft neben ihr liegt, kann auch ich mit viel Zureden und sanfter Mobilisierung eine Verlagerung schaffen, so z.B. ihre HÀnde dauerhaft auf dem Bauch ablegen, ohne dass diese gleich wieder neben den Körper herunterrutschen.
Zudem interpretiere ich manche Dinge fĂŒr mich, als wĂŒrde Stephanie schon etwas bewusst mitbekommen und irgendwie darauf reagieren wollen. Ihre Herzfrequenz, eine leichte Mimik und das Aufschlagen der Augen gehen meist mit irgendwelchen direkten EinflĂŒssen einher, als wenn sie ihre Umgebung wohl doch schon irgendwie wahrnehmen könnte:
- Wenn ich zu Anfang meiner Besuchszeit in den Vorraum komme und mich umziehe (Kittel anziehen, HĂ€nde desinfizieren), fĂŒhrt bei ihr entweder Vorfreude oder Entsetzen (wer weiĂ das schon so genau) zu einem leichten Anstieg der Herzfrequenz, ohne dass ich sie ĂŒberhaupt berĂŒhrt oder sie schon angesprochen habe.
- Bei meinem WohlfĂŒhlprogramm mit Vorlesen, Massieren, Eincremen und „BetĂŒdeln“ sinkt die Herzfrequenz in der Regel sehr schnell … bis hin zum entspannten Eindösen beim Vorlesen aus dem Metorologiebuch „Wetter macht Liebe“.
- Wenn ich die mir zugeschickten Sprachnachrichten abspiele, reagiert sie auf manche Personen irgendwie gelassener (insbesondere auf MÀnnerstimmen, wie die von Carsten, Karl & Uwe) oder scheint noch gespannter zuhören zu wollen, um am Ende ja nichts zu verpassen.
- Ich glaube sogar, dass sie minimal auf gesprochene Inhalte reagiert, z.B. als Andrea und Karl das letzte Kapitel ihres Vorlesens angekĂŒndigt haben, meine ich eine gewisse EnttĂ€uschung in ihrer Mimik entdeckt zu haben.

Ab morgen ist Stephanies Therapieplan erneut gut gefĂŒllt, denn nach den Feiertagen sind endlich auch wieder alle Gewerke vor Ort. Somit ist sie mit zahlreichen Ăbungen fĂŒr die verschiedenen Sinne ĂŒber den Tag verteilt beschĂ€ftigt und sie hat vielleicht auch wieder etwas weniger Zeit zum Langweilen. Aber da auch wir ab Montag unseren Arbeitgebern zur VerfĂŒgung stehen mĂŒssen, werden wir unser Kind jetzt wieder erst am Abend besuchen können. Die arbeitsfreien Tage nutzten wir nĂ€mlich in der Regel fĂŒr eine Besuchszeit ĂŒber den Mittag bzw. den Nachmittag, denn da war Stephanie noch nicht ganz so schlĂ€frig – man sieht, die therapeutische Umstellung auf Tag- und Nachtzeiten scheint schon zu funktionieren. Ich bin allerdings schon jetzt sehr gespannt, ob sie dann immer noch genug Kraft und Aufmerksamkeit fĂŒr mich ĂŒbrig hat đ





























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